| Russland
Gastfreundschaft
Nach reibungsloser Einreise in Russland schlagen wir unser Zelt am
Asovschen Meer auf. Wir geniessen die Ruhe hier, die wir an der Südküste der
Krim vergebens gesucht haben. Weniger ruhig geht es dann an einem
Samstagabend zu, als wir von drei Russen zu Schaschlyk (Fleischspiesschen)
und Banja (russische Dampfsauna) nach Hause eingeladen werden. Es wird
alles, was Alkohol enthält, durcheinander getrunken. Gegen den
Alkohol-Exzess müssen wir uns wehren, doch um Mineralwasser müssen wir lange
bitten. Die ganze Zeit reden verschiedene Leute auf uns ein, immer mehr
Nachbarn tauchen auf und bestaunen uns. Doch zugehört wird uns eigentlich
nicht mehr und wir bekommen immer mehr den Eindruck, dass wir für unsere
Gastgeber Trophäen sind, die sie in der Nachbarschaft rumzeigen, und wir
allen an einem eigentlich langweiligen Samstagabend der Unterhaltung dienen.
Wir schaffen es dann, zeitig einen Schlafplatz zu finden und verziehen uns
am Sonntag Morgen zeitig. Trotzdem möchten wir diesen Abend nicht missen,
war es einmal mehr eine Gelegenheit ins hiesige Leben Einblick zu bekommen.
Begegnung im Nichts
Wir wollen vor Rostov am Don nochmals ans Meer. Doch wir finden die
Strasse nicht und landen in einem Dorf, das sich als Sackgasse erweist. Die
Traktorfahrer der nahe gelegenen Sovchose (staatlich geführter
Landwirtschaftsbetrieb) erklären uns den Weg über die Felder: Den Feldweg
runter, dann nach rechts, die dritte nach links, die fünfte nach rechts,
dann alles geradeaus. Zweifelnd, ob wir das finden, fahren wir los und
zählen Abzweigungen. Nach ca. 10 Kilometern sehen wir eine Staubwolke.
Endlich ein Auto, wir können nach dem Weg fragen. Wir machen uns bereit, die
Volga zu stoppen. Doch das Auto hält von selbst und der Fahrer fragt uns,
noch bevor wir ihn fragen können, nach dem Weg. Es stellt sich heraus, dass
er mit seiner Familie von Moskau die ganze Nacht durchgefahren ist und
weiter südlich ans Meer möchte. Auch er wurde von den Einheimischen über die
Felder geschickt. Wir studieren unsere beiden Karten, die erheblich
voneinander abweichen. Zum Schluss schenkt uns der Moskauer seinen Autoatlas
und wünscht uns eine gute Reise. Die Asphaltstrasse finden wir dank seiner
Angaben dann schnell. Das Meer ist jedoch eine Enttäuschung: Wir können noch
soweit rauslaufen, das Wasser reicht uns knapp über die Knie. Jetzt
begreifen wir die Russen, die immer lachend die Hand auf Kniehöhe gehalten
haben, wenn wir sagten, wir wollten hier ans Meer.
Rostov am Don
Rostov ist eine Businesstadt ohne jeden Tourismus. Für uns sehenswert
waren aber die Unterführungen aus der Sowjetzeit, die im
Badezimmer-Plaettli-Stil Szenen aus einem idealisierten Sowjetalltag zeigen:
Arbeiterinnen auf dem Feld (s. Bild), Kriegszenen, Kinder in der Schule,
Feste.
In dieser Stadt erwarten wir auch Marcel und Dunja, welche uns die
nächsten 1000 Kilometer nach Astrachan begleiten werden. Wir freuen uns sehr
auf diese Zeit. Glücklicherweise bringen sie uns Ersatzteile, die wir so
dringend benötigen. Jans Nabe am Hinterrad zeigt Abnutzungserscheinungen.
Am Don
Das nächste Ziel ist Volgograd. Wir wählen eine Route abseits der grossen
Hauptstrasse und fahren durch die Flusslandschaft des Don. Die Gegend ist
sehr fruchtbar und wir können etwas Abwechslung in unseren Speiseplan
bringen: viel Früchte und Gemüse. Wir baden oft und finden Zeltplätze wie im
Bilderbuch. Wenn wir auf einem Markt unser Kilo Tomaten einkaufen wollen,
kann es geschehen, dass wir reich beschenkt werden und mit mehreren Kilos
Tomaten, Auberginen, Äpfeln, Kartoffeln und Peperoni weiterfahren müssen.
Wir schleppen auch mehrmals unfreiwillig Wassermelonen, die uns die
freundlichen Händlerinnen an der Strasse schenken. Sie begreifen nicht, dass
die Melonen für uns ein zuviel an zusätzlichem Gewicht sind.
Auch die Polizei kann sehr freundlich sein. In einem Dorf überholt uns
ein Dienstwagen und stoppt rassig vor Marcel, so dass dieser meint, er werde
im nächsten Moment verhaftet. Doch der freundliche Polizist will nur wissen,
wohin wir wollen und bietet uns dann sein Auto als Eskorte zur Hauptstrasse
an. Im Schritt-Tempo fahren er und sein Kollege vor uns her. Nach Tipps, wo
die besten Badestellen sind und einem Fotoshooting fahren wir weiter
Richtung Volgograd.
Volgograd
Diese Stadt repräsentiert wie keine andere die Schrecklichkeit und
Unmenschlichkeit des Krieges und des russischen Kriegstraumas. Der zweite
Weltkrieg (auf russisch der "Grosse vaterländische Krieg") ist in vielen
Städten und grösseren Ortschaften sichtbar. Im Zentrum brennt jeweils die
ewige Flamme in Gedenken an die Opfer des Krieges. In Volgograd gibt es ein
unheimliches und monströses Kriegsdenkmal: Eine überdimensionierte
Frauenfigur mit Schwert in der Hand, die Mütterchen Russland darstellen
soll. Man sieht sie schon von Weitem. Sie steht für den Wendepunkt im Krieg
gegen die Deutschen. Die Wehrmacht kam 1942 bis zum damaligen Stalingrad. Es
ist der östlichste Punkt, den die Deutschen erreicht haben. Sie wurden von
Truppen von den Sowjets vernichtend geschlagen wurden. Auf beiden Seiten
kamen je über eine halbe Million Menschen ums Leben. Danach setzten sich die
Sowjettruppen in Bewegung Richtung Berlin. Gleich unterhalb der Frauenfigur
brennt in einem golden ausgekleideten Rondell die stets von Soldaten
bewachte ewige Flamme. An den Wänden sind die Namen gefallener Soldaten zu
lesen sowie die Inschrift: "Wir haben gekämpft und nur wenige haben das Ziel
erreicht, aber wir haben unsere Pflicht gegenüber Mütterchen Russland
erfüllt." Dies alles und die dazu eingespielten Kriegsgeräusche und des
Schlachtrufs "Na Berlin" ("nach Berlin") wirken sehr martialisch. Dass das
Schlachtenpanorama, ein weiteres Kriegsmuseum direkt an der Wolga, schon
geschlossen hat, als wir ankommen, ist uns dann gerade recht. Eindrücklich
hingegen ist der Bericht eines Augenzeugen: Wir treffen einen älteren Mann,
der als siebenjähriger Junge den Krieg miterlebt hat. Von seinem Dorf aus,
das gegenüber von Volgograd am anderen Volgaufer liegt, hätten sie den
Kämpfen zugeschaut. Und gehungert hätten sie, noch Jahre nach dem Krieg.
Trotzdem hätten sie den deutschen Kriegsgefangenen, die die Stadt wieder
aufbauen mussten, ab und zu zu essen gebracht. Die wären ja noch ärmer dran
gewesen, als sie, meint der alte Mann.
Auch im Stadtzentrum brennt die ewige Flamme. Da wir an einem Samstag in
Volgograd ankommen, erleben wir die traditionelle Hochzeitsparade. Auf dem
Hauptplatz reihen sich blumengeschmückte weisse Volgas aneinander. Drinnen
warten die Brautpaare auf den Fototermin vor der ewigen Flamme, wie es die
(sowjetische) Tradition will. Als wir fragen, ob wir die wartenden Volgas
fotografieren dürfen, steigt gleich das Brautpaar aus und will sich mit uns
fotografieren lassen (s. Bild).
Volga - Achtuba
Der Teilabschnitt von Volgograd nach Astrachan fasziniert uns ganz
besonders. Auf der einen Seite der Strasse beginnt die endlose kasachische
Steppe. Der starke Seitenwind von der Steppe bläst uns dauernd die Hitze ins
Gesicht. Wir fühlen uns wie Aprikosen auf dem Dörrapparat. Auf der anderen
Seite erstreckt sich die liebliche Flusslandschaft der Volga und ihrer
Seitenflüsse (Achtuba). Zum Glück, so können wir uns mehrmals täglich ins
Wasser stürzen.
Wir sehen zunehmend asiatische Gesichter. Kalmuecken verkaufen Melonen an
der Strasse, kasachische Lastwagenfahrer trinken ihren Tee in den
Raststätten. Immer wieder sehen wir muslimische Friedhöfe, die zum Teil weit
ausserhalb der Ortschaften errichtet wurden.
Auch Kaukasier arbeiten hier viele. Besonders gut in Erinnerung bleiben uns
die jungen tschetschenischen Feldarbeiter, die uns in ihrem Seitenwagen eine
neun Kilogramm schwere Wassermelone zu unserem Zeltplatz bringen.
Astrachan
Im Zentrum der Stadt steht der 500 Jahre alte Kreml. Die Kremlbauten wie
auch andere Gebäude in der Stadt zeigen orientalische Einflüsse: Fein
geschwungene, in der Mitte spitz auslaufende Fensterstürze und fein
verzierte Arkaden. Um den Kreml herum findet sich ein gut erhaltener Ring
von Bauten Anfang des letzten Jahrhunderts. Hinter der Volgauferpromenade
besteht ein ganzes Quartier aus Holzhäusern, die reich verziert sind. Solche
Häuser sieht man sonst nur auf dem Land.
Astrachan ist das Tor zu Asien. Wir hatten eine schöne Zeit und sind
gespannt auf die neue Welt, die uns erwartet. Wir verabschieden uns von
Europa und leider auch von unseren beiden Freunden Marcel und Dunja. Vielen
Dank für die Begleitung! Als krönender Abschluss haben wir mit Marcel und
Dunja eine Schiffstour ins Volgadelta gemacht, wo wir die exotischen,
blühenden Lotusfelder geniessen konnten. Jetzt geht es auf in die Steppe.
Vperjod! (vorwärts!)
Kilometerstand: 5548 km
Materialschäden: ein geplatzter Reifen, mehrere Löcher
in den Schläuchen wegen abgefahrener Reifen (zum Glück
überliessen uns Dunja und Marcel ihre Reifen), eine kaputtes Nabenlager.
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