| KRIM
Krimtataren heute...
Wir kehren dorthin zurück, wo unsere jetzige Reise
ihren geistigen Anfang nahm. Auf einer Velotour vor zwei Jahren auf dieser
Halbinsel wurden wir nämlich von einer krimtatarischen Familie herzlich
aufgenommen. Sie erzählten uns damals von ihrer früheren Heimat Samarkand
so spannend und eindringlich, dass wir den Gedanken mit Fahrrad dorthin
aufzubrechen nicht mehr los wurden. Wieder wird wie beim ersten Besuch
während des ganzen Nachmittags Essen aufgetischt, die Flasche Wein
getrunken, die wir mitgebracht haben und dem Wodka zugesprochen. Ihre
Geschichte ist uns noch klar in Erinnerung. Ihre Eltern teilten das
Schicksal aller Krimtataren und wurden in den 40er Jahren unter Stalin
deportiert. Viele fanden ihre neue Heimat in Zentralasien, wie z.B. unsere
Familie, welche in Samarkand lebte. Nach der Wende 1991 haben unsere
Gastgeber - Zia und Zarema - beschlossen in die Heimat ihrer Eltern
zurückzukehren. Ursprünglich sind beide studierte Musiker, leben nun
zusammen mit ihren drei Kindern von Gurken, Tomaten, Dill und einem kleinen
Verkaufsladen. Ihre wenigen Ersparnisse setzen sie für die Bildung ihrer
Kinder und zum Aufbau eines grösseren Lebensmittelladens ein, den sie in den
vergangenen zwei Jahren bauten. Alles Handarbeit. Genauso wie ihr Haus auch,
das vom ersten Stein, bis zum einfachen Heizsystem in Eigenarbeit erstellt
wurde.
...und früher
Im Krimgebirge erleben wir die Zeugnisse der
glorreichen Vergangenheit der Tataren. Zu Fuss gehen wir vom schön
restaurierten Khanspalast in Bachtschisaraj zum weiter oben gelegenen
Felsenkloster und folgen dem von Kleinhändlern gesäumten Pfad zur heute
verlassenen Felsenstadt Tschufut-Kale. Die Händlerinnen und Händler bieten
allerlei Holzschnitzereien, Getränke und Duftstoffe feil.
Plötzlich ertönt der Ruf "maschina!" (Auto). In Blitzesschnelle stopfen die
Verkäuferinnen und Verkäufer ihre Waren in die Taschen und springen in die
Büsche. Offensichtlich ist der ganze Handel hier illegal.
Vom Felsplateau, auf dem im 2. und 3. Jahrhundert die
Stadt Tschufut-Kale gegründet wurde, haben wir eine wunderbare Aussicht über
die Hochplateaus. Die Bewohner haben diese Stadt an dieser unzugänglichen
Stelle errichtet, um von den vielen Überfällen besser geschützt zu sein. Wie
so viele Inseln von strategischer Bedeutung hat auch die Krim viele
Invasoren gekannt: Römer, Türken, Genuesen, Tataren und natürlich auch 'die
Wehrmacht'. Sevastapol, eine im 2. Weltkrieg schwerumkämpfte und
schlussendlich völlig zerstörte Hafenstadt, hat deshalb leider auch
Berühmtheit bis weit über die Landesgrenzen erreicht. Es wird gesagt, dass
Churchill diese Stadt nach dem Gipfeltreffen in Jalta in Schutt und Asche
liegen sah und sagte, dass zum Wiederaufbau 50 Jahre benötigt werden. Stalin
antwortete daraufhin, dass dies auch in 5 Jahren möglich sei, was er auch in
die Tat umsetzte. So will es jedenfalls die Legende.
Unsere nächste Etappe von Bachtschisaraj wäre Jalta
gewesen. Auf unserer Fahrt durch die Berge machen wir einen kleinen
Zwischenhalt in einem ethnographischen Museum. Wir wurden so überzeugend in
diesem als Tschaichane (tatarisches Teehaus) geführtem Ort mit Tschebureki
und Tee bewirtet, das wir gleich einen semikulturellen Ruhetag mit Baden im
Bergbach des 'bolschoj canjons' einschalteten und dort übernachteten. Alles
in allem ein wunderbare Einstimmung für spätere Etappen in Kasachstan und
Usbekistan.
Russendisco
Wie recht wir doch hatten, noch eine Weile in den
Bergen zu verweilen. Die nächsten Tage, entlang der Südküste, hatten wir
täglich 'Chilbi'. Vor zwei Jahren sind wir im Frühsommer an dieser Küste
entlang gefahren, welche damals menschenleer war. Jetzt drängen sich
Urlauber wie Sardinen am Strand. Ganze Zeltstädte werden errichtet von den
Erholgungssuchenden aus Russland, Weissrussland und Polen. Sanitäre Anlagen
fehlen fast ganz. Nachts gibt es Karaoke und Freiluftdisco bis in die frühen
Morgenstunden. Wir meiden daher diese Ortschaften und zelten nach
Möglichkeit irgendwo an der Küstenstrasse, damit wir zu Schlaf kommen.
In Kertsch, von wo die Fähre nach Russland
übersetzt, ist der ganze Trubel plötzlich zu Ende. Nach einer überraschend
ruhigen Hunderkilometerstrecke ist die Ankunft in dieser Hafenstadt deshalb
eine Wohltat. Zudem kommen wir auf Zhenas Boot in den Genuss von Abendsegeln
auf dem Schwarzen Meer. Zhena war zu Sowjet-Zeiten professioneller Segler.
Gerne erläutert er uns das russische Seemannsvokabular, das übrigens viele
holländische Ausdrücke enthält, und erzählt uns so manches von der
Geschichte dieses Ortes. Der örtliche Jachtklub sei von einer Fabrik
gegründet worden und jeder Arbeiter hätte mit einer kleinen Jacht in See
stechen können. Heute sei dieser Sport, wie fast überall, einer wohlhabenderen
Schicht vorbehalten. Auf die Frage, ob er denn meine, dass es früher besser
war, meinte er, dass jede Zeit ihre Vor- und Nachteile habe. Früher seien
die Unterschiede zwischen arm und reich nicht so gross gewesen, dafür könne
man heute reisen und seinen Aufenthaltsort frei wählen. Das Schlimmste sei
es aber, in Zeiten des Umbruchs leben zu müssen. Da mag er recht haben.
Kilometerstand: 4052 |




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